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Nach fünf Generationen ist Schluss

Nach fünf Generationen ist Schluss

Von Jürgen Reinhardt

ZUR LINDE Landgasthaus im Heppenheimer Stadtteil Mittershausen schließt seine Pforten / Seit 1832 Gäste bewirtet

MITTERSHAUSEN - Es war nicht nur einfach eine Gaststätte, es war eine Institution im Stadtteil Mittershausen: die „Linde“. Gesundheitliche Probleme haben Wirt Klaus Gehron nach fast 35 Jahren hinter der Theke im Februar gezwungen, die Tore endgültig zu schließen.

„Wegen Reichtum geschlossen“: Ein Spruch, den Klaus Gehron sich anhören musste, als er im Februar den Gaststättenbetrieb aufgab. Und das nach fast 35 Jahren harter Arbeit, Verzicht auf Urlaubsreisen und freie Wochenenden, im 65. Lebensjahr, also im Rentenalter, und gesundheitlich angeschlagen. Kein Wunder, dass dem Landwirt, Kaufmann und Gastronom die Galle hochkommt, wenn er so etwas zu hören bekommt. Aber auch auf solche Mitmenschen, die – obwohl sie nicht mehr als vielleicht ein, zweimal im Jahr aufgetaucht sind – jetzt gar nicht aufhören können, den Verlust zu beklagen, kann er derzeit gut verzichten.

Es ist nämlich auch so schwer genug für ihn, sich in sein Schicksal zu fügen. Nur zu gern hätte er noch einige Jahre weitergemacht, und wenn sich unter seinen drei Kindern (ein Sohn und zwei Töchter) jemand gefunden hätte, der die Tradition fortführt, wäre er, solange die Kräfte mitgemacht hätten, dabeigewesen. Die Kinder aber wollen oder können nicht, und warten, bis die Enkel soweit sind (oder wären), macht keinen Sinn. Also, wenn auch schweren Herzens, der Schlussstrich.

Eine lange Tradition geht damit zu Ende. Das landwirtschaftliche Anwesen wurde im Jahr 1339 erstmals für Mittershausen erwähnt, im Dreißigjährigen Krieg fielen die damaligen Besitzer der Pest zum Opfer, danach gingen Haus und Grundstück an neue Besitzer, die etwa ab 1731 zunächst nur eine Schmiede betrieben. Der damalige Besitzer Johannes Schmitt begann 1806, wieder landwirtschaftliche Flächen zu erwerben, und 1811 heiratete Johann Philipp Gehron aus Knoden Salome Schmitt und übernahm das Anwesen, womit die Gehrons (die übrigens alten französischen Hugenottenfamilien entstammten und sich zuvor Geron, also ohne „h“, schrieben) hier Zuhause waren. 1832 wurde das heutige Haus gebaut und gleich eine Gaststube im Erdgeschoss und ein kleiner Saal im Obergeschoss eingerichtet.

Der Baum vorm Haus sorgt für den Namen

Diese damals schon 150-jährige Tradition nahm Klaus Gehron 1982 auf, als ihm in fünfter Generation Haus und Gastwirtschaft von Vater Philipp übergeben wurden. 1980 war die „Linde“ – wie das Gasthaus seit 1936 heißt, nachdem der gleichnamige Baum vor dem Haus gepflanzt worden war – neu gestaltet und eine Nebenstube eingerichtet worden. 1985 wurde dann noch ein Anbau eröffnet, und in der Folge wurden auch die Gäste immer mehr, die aus der ganzen Region in die „Linde“ kamen, um die urige Atmosphäre und die bodenständigen Gerichte der kleinen, aber feinen Speisekarte zu genießen.

Der Andrang, der an manchen Wochenenden herrschte, sorgte für Umsatz, aber auch für Stress, für den Wirt wie für seine Frau, die für die Küche zuständig war. Und oft genug war es schwierig, genug Helfer zu finden, um die bis zu 130 Gäste in der Wirtsstube und auf der Terrasse, unter denen es durchaus auch schwierige gab, zufriedenzustellen. Deshalb hatte Klaus Gehron die Öffnungstage notgedrungen bereits reduziert. Anfangs gab es nur einen freien Tag pro Woche und sechs Arbeitstage, in den letzten Jahren war nur noch von Donnerstag bis Sonntag geöffnet, und am Ende war zusätzlich die ganze letzte Woche im Monat geschlossen.

Im Januar musste sozusagen die Notbremse gezogen werden; der Wirt war so angeschlagen, dass auch die verbliebenen Öffnungstage für ihn und seine Frau zuviel wurden. Also war, nach 184 Jahren, Schluss. „Schlimm, dass es nicht weitergeht“, sagt Klaus Gehron.

Wie es für ihn selbst weitergeht, weiß Klaus Gehron auch noch nicht so genau. Nach dreieinhalb Jahrzehnten, die 24 Stunden am Tag von seiner Arbeit als Wirt geprägt waren, muss er erst einmal lernen, mit der plötzlichen Freiheit und Freizeit umzugehen. Vor Kurzem, erzählt er, hat er zum ersten Mal einen Sonntagsausflug mit seiner Frau gemacht, rein in den Odenwald. So richtig wohl hat er sich dabei aber noch nicht gefühlt. Am liebsten, sagt er, m*pfui*iert er jetzt einfach an den Waldrand und hört den Vögeln zu.

WEITER FÜR DIE EINHEIMISCHEN DA
Auch wenn das Gasthaus „Zur Linde“ jetzt endgültig geschlossen ist: Für die heimischen Vereine und Gruppen besteht weiter die Möglichkeit, die traditionellen Veranstaltungen im Saal fortzuführen, wie beispielsweise die Heimatabende, die demnächst wieder stattfinden, die Weihnachtsfeiern oder der Maskenball. Und auch die Jagdhornbläser sind einmal pro Woche zum Üben da. Getränke gibt‘s vom Ex-Wirt, das Essen muss aber von den Veranstaltern herbeigeschafft werden. Klaus Gehron selbst ist auch weiter für sein Heimatdorf da: So probt er derzeit mit den Kleinen der Trachtengruppe Odenwälder Lieder ein, und er arbeitet weiter an seiner Dorfchronik. Am 7. Mai will er sich außerdem mit einer Feier für alle früheren Aushilfen verabschieden, ab 18 Uhr sind sie zur „Linde-Tür-zu-Trauerfeier“ eingeladen.

Quelle: http://www.echo-online.de/lokales/bergstrasse/heppenheim/nach-fuenf-generationen-ist-schluss_16813086.htm

16.04.2016, 11:30 von Klaus | 19012 Aufrufe

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