Donnerstag, 21. September 2017, 07:02
Willkommen, Gast!   de
 

Wer ist online?

Klappen
  • Gäste: 24

Geburtstag

Heute hat niemand Geburtstag.

Im Galopp zum Friedhof

Im Galopp zum Friedhof

Geschichte – Bestattungskultur in Mittershausen – Traditionen und Bräuche im Wandel der Zeit

Die Bestattungskultur und der Umgang mit Verstorbenen in Mittershausen haben sich seit den 50ern gewandelt.

MITTERSHAUSEN/SCHEUERBERG. Im März 1957 ist Nikolaus Gehron verstorben. Er wurde zu Hause drei Tage bis zur Beerdigung in der Kammer aufgebahrt. Das war damals noch so üblich. Die Kammer, das war die „gute Stube“, was man heute als Wohn- oder (und) Esszimmer bezeichnen würde. An seinem Sarg betete die ganze Familie täglich. Die Verwandten, die von auswärts kamen, blieben eine Weile in der Stube am zeitweise offenen Sarg stehen oder sitzen, beteten, sangen auch Mal ein Lied aus dem Gesangbuch und verabschiedeten sich von dem Toten.

Der Wirtsraum daneben war in diesen Tagen geschlossen. Gegessen hat die Familie in der Gaststube. Nikolaus Gehron wurde am Tag der Beerdigung mit dem Pferdefuhrwerk am Trauerhaus abgeholt und zum Friedhof gefahren. Der Leichenwagen war da noch ein einfacher Pferdewagen, der ordentlich gereinigt werden musste. Über den Sarg wurde ein großes weißes Tuch gelegt, das mit einer Stickerei umrandet war. Das Tuch wurde am Grab, vor der Bestattung wieder heruntergenommen und für den nächsten Fall aufbewahrt.

Die Pflicht, den Leichenwagen zu fahren, ging reihum. Da kam jeder Landwirt, der ein Pferdegespann hatte, mal dran. Im Dezember 1957 verstarb Philipp Vetter (Vetter-Modder). Er wurde ebenfalls noch in seinem Haus (Nr. 37) drei Tage aufgebart und am Tag der Beerdigung abgeholt.

Der Fahrer war in diesem Fall Hans Morrosch. Es ist den Älteren noch gut in Erinnerung, weil Hans immer sehr flott mit seinen Pferden unterwegs war. Beim Transport des Leichnams machte er auch keine Ausnahme. Er galoppierte mit seinem Gespann und dem leeren Wagen schon die Dorfstraße hinauf zum Trauerhaus, worüber sich hauptsächlich die alten Mitbürger leicht aufregten – „na das macht man doch nicht“. Und damals gab es in der Ortsstraße – die damals auch noch „Ortsstraße“ hieß – noch einige Schlaglöcher. Während der Fahrt zum Friedhof lief die ganze Trauergemeinde hinterher. In der „Hohl“ vor dem Friedhof lies er die Pferde so schnell laufen, dass die Fußgänger ihre Mühe hatten nachzukommen.

Einen Leichenwagen gibt es seit 1958

1958/59 hat die Gemeinde Mittershausen einen gebrauchten Leichenwagen angeschafft. Auf diesem Wagen war ein Aufbau aus vier gedrechselten Säulen mit Dach, er war komplett schwarz lackiert. An allen vier Seiten waren Vorhänge mit gehäkelten Spitzen angebracht. Georg Bickel dürfte der Erste gewesen sein, der 1959 mit dem neuen/alten Leichenwagen gefahren wurde – und zwar von Nikolaus Schmitt.

Der Wagen hatte in der Leichenhalle seinen Standplatz, bis er wieder benötigt wurde. Das Tor zur Halle für die Einfahrt des Wagens war auf der Westseite zum heutigen Parkplatz hin.

Diese kleine Leichenhalle wurde 1954 erbaut und 1965 vergrößert. Während des Umbaus stand der Wagen in einem Unterstand zwischen dem Schul- und dem Lehrerhaus (Am Auwiesenberg).

Als der Hallenanbau fertig und das Einfahrtstor am alten Hallenteil zugemauert war, wurde der Leichenwagen abgeschafft. Heute ist nur noch die Hinterachse mit den Rädern vorhanden. Ab diesem Zeitpunkt wurde der Leichnam nicht mehr zu Hause aufgebahrt, sondern in der Leichenhalle. Schreiner Valentin Bauer (Beerdigungsinstitut) hat den Verstorbenen am Sterbetag zur Leichenhalle transportiert. Die Familie verabschiedete sich dann noch mal in der Leichenhalle am offenen Sarg von dem Toten, danach wurde der Sarg verschraubt oder vernagelt und blieb drei Tage bis zur Beerdigung stehen. Am 22. Februar1989 war die erste Urnenbestattung auf dem Friedhof in Mittershausen. Seit August 2010 gibt es dort eine Wand für 16 Urnen.

Mittershausen-Scheuerberg gehört zum Kirchspiel der Evangelisch-Reformierten-Kirche Schlierbach. Einige Familien sind der Evangelisch-Lutherischen-Kirche Rimbach angeschlossen, andere gehören zur Römisch-Katholischen-Kirche Kirschhausen.

Auf dem Friedhof in Mittershausen konnte man am Kreuz beziehungsweise Stickel sehen, welcher Kirche der Verstorbene angehörte. Die Reformierten verwenden den sogenannten Stickel (grau lackiertes Brett mit den drei Blumen), die Lutheraner haben ein Kreuz mit Dach und bei den Katholiken steht das Kreuz, bis der Grabstein aufgestellt wird. Dann sieht man auf den ersten Blick keinen Unterschied mehr. Außer dass bei Katholiken darauf steht „Hier ruht in Gott“ und bei den Evangelisten „Hier ruht in Frieden“. Natürlich gab es auch Abweichungen und diesen Satz findet man auch schon seit einigen Jahren nicht mehr auf dem Grabstein.

Bildunterschrift: Wie’s früher war: Das Foto zeigt den Friedhof von Mittershausen im Jahr 1942 mit Stickel.  Foto: Rochus Gehron

Quelle: http://www.echo-online.de/region/bergstrasse/heppenheim/Im-Galopp-zum-Friedhof;art1245,5758313

04.01.2015, 16:28 von Klaus | 8646 Aufrufe

Kommentare

Kommentare werden geladen ...

Suche

Neuste Bilder

07.12.2015, 17:48
07.12.2015, 17:48

Facebook